Mittwoch, 23. August 2023

von La Paz nach Uyuni

Als ich am nächsten Morgen in El Alto aufwache hat es geschneit, alle Dächer sind weiss. Im Zimmer frühstücke ich warm angezogen. Ich habe leider eine etwas unruhige Nacht hinter mir. Wie sich rausstellt ist mein Hotel auch ein Stundenhotel, was für 3 Stunden gebucht werden kann. In der letzten Nacht sollte ich nach 3 Stunden aus meinem Zimmer geworfen werden, der Portier macht die Runde. Nach dem zweiten Klopfen rufe ich das ich bitte in Ruhe gelassen werden will, ich habe für die ganze Nacht bezahlt.

Ich verabschiede mich von Adrian dem Portier der mir täglich mindestens ein Heissgetränk gebracht und mir mein Fahrrad treppauf und -ab getragen hat. 


Mit Handschuhen und Thermojacke mache ich mich auf den Weg. Die Carretera hat einen breiten Seitenstreifen sodass ich nicht von Autos bedrängt werde. Es geht weiter auf dem Altiplano, ich bewege mich zwischen 3700 und 4000m Höhe. Die Sonne kommt zwischendrin raus und wärmt. Kurz vor Tolar erwischt mich ein Graupelschauer, und von hinten nähert sich ein Gewitter. 

Ich halte an einem Hotel. Für umgerechnet €15.- bekomme ich ein Zimmer inkl. Abendessen, Frühstück, eine Flasche Wasser und ein Stück Käse für den Weg. Sirio, der das Restaurant betreibt, setzt sich beim Frühstück zu mir und wir unterhalten uns. Wir tauschen uns aus über die unterschiedlichen Lebensweisen der Bolivianer und Europäer. Es geht um Konsum vs. einfaches Leben, automatisierte Prozesse und wie wichtig ein liebevolles Familienleben ist. Zum Abschied umarmen wir uns ganz fest von Herz zu Herz. In El Alto gibt es Strassenblockaden, die Fahrer protestieren gegen die Mautgebühren. Mir kommt das sehr gelegen, die Strasse ist schön leer.


Nach einer Nacht im Zelt bei knapp unter 0°C radle ich weiter Richtung Oruro.


Ich suche mir ein Hostel in dem ich kochen kann und gehe erstmal auf den Markt und die Plaza.










Und dann koche ich mir lecker Gemüse und tausche mich ein bisschen mit Willy aus, ein Radreisender aus Kolumbien der hier im Hostel arbeitet.

In der Stadt feiert die Schule ihren Geburtstag und die Schüler paradieren verkleidet durch die Strassen. Für mich geht es weiter auf dem Altiplano Richtung Salar de Uyuni. Ich biege ab auf eine sehr einsame Strasse, im Schnitt begegnen mir vielleicht 20 Autos täglich. Die Ortschaften liegen weit auseinander und wenn immer ich die Möglichkeit habe fülle ich Wasser auf. Die Nächte im Zelt sind eisig kalt, das Thermometer geht nachts runter auf -15°C. Sobald die Sonne weg ist kannst du es nur noch im Schlafsack aushalten. 








Zum ersten Mal sehe ich Vicunas, die nicht domestizierten Lamas. Und dann kommen 3 stürmische Tage. Ab mittags dreht der Wind, und am Nachmittag kommt er mit über 50km/h von seitlich vorne. Ich kämpfe mich voran, an Zelten in der Pampa ist nicht zu denken. Endlich komme ich in einen Ort und frage auf der Plaza ob ich hier zelten kann. Gilda zeigt mir den Schulhof. Es gibt sogar eine Toilette (allerdings ohne Wasser) und einige Mauern hinter denen ich zelten könnte. Allerdings zwingt mich der aufwirbelnde Staub auf ein betoniertes Stück des Hofes, mir knirschen schon die Zähne und auch meine Augen sind voller Sand und Staub. Es ist eine echte Herausforderung das Zelt ohne Zeltnägel aufzustellen, ich hole mir jede Menge Steine zum Absichern und muss mich schwer zusammenreissen nicht die Nerven zu verlieren... An Kochen ist nicht zu denken, ich esse Müsli und Kekse zum Abendessen und verkrieche mich in mein wackelndes Zelt. Um 9 Uhr lässt der Wind endlich nach, und ich bin froh das ich schlafen kann.



Der nächste Tag soll wieder starken Wind bringen und ich mache mich früh auf um in Salinas de Garci Mendoza in ein Hotel zu kommen. In der Ferne ist die Salzebene des Salar de Uyuni und der Volcan Tunupa zu sehen. Eine angenehme Nacht im Hotel, draussen ist es kalt und der Wind pfeift. 


Am Morgen kaufe ich ein paar Lebensmittel für den Weg durch den Salzsee und mein Fahrrad auf der Plaza erregt Aufmerksamkeit, ein Bolivianer studiert neugierig die Karte seines Landes. Mich spricht Walter an, ein Italiener aus dem Trentino der denselben Weg plant wie ich, und wir verabreden uns lose für den nächsten Tag auf der Isla Incahuasi in der Salzebene. Ich will heute nicht weit, nur 30km weiter in Jirira ist ein weiteres Hostal in dem ich die windige Nacht verbringen will bevor ich den Salzsee durchquere. Die Salzebene ist in der Ferne sichtbar, und beim Anblick bin ich sprachlos, so etwas habe ich noch nie gesehen. Im Hostal werde ich herzlichst begrüßt, Lupe und ihre Töchter holen mich zu sich in den sonnigen Hof, die Enkelkinder spielen, Gemüse wird geputzt und Lupe flicht sich die Haare. Lupe's Mann ist mit 82 Jahren vor 3 Monaten gestorben, sie trägt schwarz. Nachdem ich mein Zimmer bezogen habe darf ich in die Küche, bekomme eine leckere Gemüsesuppe und darf später mit den Guides der Reisegruppe aus Italien zu Abend essen. Lupe und ich unterhalten uns und schweigen gemeinsam. Ich fühle mich als wäre ich für ein paar schöne Momente in die Familie integriert.



Am Morgen darauf darf ich wieder in der warmen Küche frühstücken, und als ich bezahlen will besteht Lupe darauf das ich nur das Zimmer bezahle, das Essen ist ihre Einladung an mich. Der Abschied von Lupe ist mit viel Herz und Zuneigung und uns beiden kommen die Tränen. Ich bin so berührt von der Verbindung zu einer Frau die ich gerade mal ein paar Stunden kenne. 


NOT UNTIL WE ARE LOST DO WE BEGIN TO UNDERSTAND OURSELVES (H. D. Thoreau)
Heute will ich in die Salar. Von Jirira aus gibt es keine eindeutige Trasse, ich orientiere mich mit GPS und Kompass, und irgendwann ist in der Ferne auch die Kaktusinsel zu sehen. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl durch diese weisse Weite zu fahren. Hier gibt es kein sichtbares Leben, die Stille ist einzigartig und das Salz unter den Reifen knirscht. Die Augen müssen geschützt werden sonst wirst du schneeblind. Für mich gibt es einen Grund zu feiern: ich mache heute die 20.000km seit dem Start meiner Reise in Hamburg voll!


Und dann gibt es eine Tradition unter Radreisenden die die Salzebene durchqueren: ein Nacktphoto. Bei der Temperatur mit Gänsehautfaktor...


Tja, und als ich weiterfahren will hält mich leider ein Platten davon ab... den kleinen Draht muss ich allerdings schon früher auf der Strasse aufgesammelt haben.

Auf der Isla Incahuasi angekommen werde ich von Alfredo begrüßt der mir erzählt das er hier seit über 70 Jahren wohnt. Nachdem ich den Eintritt für die Insel bezahlt habe zeigt mir Louis, einer der Angestellten hier, den Raum hinter dem Museum wo ich übernachten darf. Ich stelle mein Zelt auf, denn selbst hier drinnen ist es lausig kalt. Ich mache eine Runde über die Insel, die Kakteen sind über 1000 Jahre alt. Viele Jeeps mit Besuchern kommen an, die meisten Italiener und Franzosen. Als ich zurück zu einem Zelt komme ist auch Walter angekommen und hat sich im selben Raum neben mir eingerichtet. Zum Sonnenuntergang gibt es ein Bier und Vogelbesuch. 




Nach einer kalten Nacht mit einem Sternenhimmel der zum Greifen nah ist und einer absolut plastischen Milchstrasse kochen Walter und ich uns einen Café  und frühstücken. Wir verabreden uns ein Stück zusammen zu radeln. Walter hat eine Drohne und macht Videos und Bilder die die Weite der Salzebene anschaulich machen.






Und dann fahren wir 75 km durch diese erstaunliche Landschaft. Wenn du stehenbleibst ist die Stille ohrenbetäubend. Es ist ein Gefühl das sich kaum beschreiben lässt: die Weite des Universums in der ich mich ganz klein fühle und gleichzeitig unendlich gross, verloren und aufgenommen.

Am Ende der Salzebene kommen wir auf die Carretera die uns nach Uyuni führt. Hier gibt es ein Casa de Ciclista wo wir von Miriam ein Zimmer bekommen und andere Radler aus der ganzen Welt treffen.



In Uyuni muss ich ein paar Sachen besorgen. Leider hat mein Solarpaneel den Geist aufgegeben sodass ich mir eine weitere Powerbank zulegen muss. Und vor allem habe ich seit La Paz keinen Pausentag gemacht. Das werde ich hier ausgiebig nachholen und die grenzenlose Gastfreundschaft des Casa de Ciclista geniesssen.



Sonntag, 13. August 2023

La Paz und ein hoher Berg

Weiter fahre ich auf dem Altiplano nach LaPaz, in der Ferne leuchten die 6000er der Cordillera Real. Ich entscheide mich nicht in die Stadt runter zu fahren sondern suche mir eine Bleibe in El Alto. Am späten Nachmittag streife ich noch über den Markt und die Oberstadt. Verrückte laute Stadt, alles noch ein bisschen chaotischer als in Peru, aber es wird nicht ganz so viel gehupt. Ein wichtiges öffentliches Verkehrsmittel ist die höchst moderne Seilbahn von Doppelmayr die die Ober- mit der Unterstadt und weitere Stadtteile miteinander verbindet. 


 


Am nächsten Tag fahre ich mit der Seilbahn eine grosse Runde durch die Stadt und in's Zentrum. 





Hier besuche ich Cristian im Casa de Ciclista und lasse mir das Haus zeigen. Ich entscheide mich allerdings dagegen dort zu übernachten weil ich was Grosses vorhabe. 



Ich buche eine geführte Tour auf den 6088m hohen Huayna Potosi. Weil ich das entsprechende Equipment nicht dabei habe leihe ich mir Steigeisen, Bergstiefel, Pickel, Klettergurt und Rucksack von der Agentur. Am nächsten Tag geht es los! Ich lasse mein Rad und alles was ich nicht brauche im Hostal und packe meinen kleinen Rucksack mit Klamotten und meinen warmen Schlafsack ein. Mit der Teleferico fahre ich nach La Paz runter und warte zum verabredeten Zeitpunkt darauf das ich in's Depot zum Klamotten anprobieren abgeholt werde. 30 Minuten später kommt endlich jemand... Zu fünft fahren wir über eine holprige Strasse zum Refugio auf 4700m Höhe. Ein Teil von uns hat 3 Tage gebucht und die beiden Australier die die Tour in 2 Tagen machen gehen direkt nach dem Mittagessen zum höheren Refugio auf 5200m Höhe. Wir, das ist Elisa aus Stuttgart, Josh aus Cambridge und ich, haben am Nachmittag erstmal eine Einführung in's Gehen mit Steigeisen und kriegen sogar die Gelegenheit uns mal im Eisklettern auszuprobieren. Unser Guide Eulogio ist ausgebildeter und geprüfter Bergführer. Die Guides haben hier auch die Aufgabe uns zu bekochen und Geschirr zu spülen und alles was dazu gehört. Leider macht sich bei mir heute die Höhe bemerkbar, mir ist leicht schlecht und der Schädel tut weh. Dagegen hilft trinken, trinken... ich schütte einen Kräutertee nach dem anderen in mich rein. Elisa, Josh und ich spielen Kartenspiele, unterhalten uns teils sehr persönlich und gehen früh schlafen.













Am nächsten Tag gehen wir mittags zum höher gelegenen Refugio auf 5200m Höhe. Nachmittags kommen zu unserer kleinen 3er Gruppe noch 6 weitere Personen dazu, 2 Schweizerinnen, ein holländisches Paar und 2 Neuseeländer. Weil wir immer in 3er Seilschaften gehen kriegen 2 Personen jeweils einen Guide zugeteilt. Zu neunt geht das nicht auf, sodass ich einen Guide ganz für mich alleine habe: (Super-) Mario. Nach einem sehr frühen Abendessen kriegen wir noch ein Briefing und die Gelegenheit uns mit unseren Guides auszutauschen. Mario will wissen ob ich alpine Erfahrung habe und ist erfreut als er hört was ich in den Alpen gemacht habe. 





Um 18 Uhr ist Schlafenszeit. Viel Schlaf ist auf der Höhe nicht drin. Im Vergleich zu einigen anderen die garnicht schlafen bin ich noch ganz gut dran mit meinen ca. 4 Stunden Schlaf. Um Mitternacht werden wir geweckt. Rucksack packen, ein heisser Tee mit Brötchen, anziehen, und um 1 Uhr geht's los. Die Sterne funkeln, unsere Stirnlampen zeigen uns den Weg, und mit den Gruppen aus den anderen Hütten sind wir ein leuchtender Lindwurm der sich den Berg hochschleicht. Es geht gleich in eine kleine Kletterpassage die durch ein Fixseil abgesichert ist. Als wir am Gletscher ankommen ziehen wir noch unsere Steigeisen an und Mario nimmt mich an's Seil. Gaanz langsam, immer einen Schritt nach dem anderen, teils durch steiles eisiges Gelände, geht es aufwärts. Immer wieder machen wir kurze Pausen, trinken einen Schluck, nicht zu lange, es ist kalt, und trotten weiter bergan. Leider habe ich leicht Durchfall sodass im Dunkeln mein Guide 2 mal den Rücken zu mir drehen und ich am langen Seil die Hosen runterlassen muss. Beim Bergsteigen darfst du nicht zimperlich sein... Ab ca. 5800m Höhe macht sich bei mir die Sauerstoffknappheit bemerkbar, mir ist ein bisschen schlecht. Das letzte Stück zum Gipfel ist nochmal ausgesetzte Kletterei im eisigen felsigen Gelände, und dann geht es am Grat die letzten Meter zum Gipfel. Pünktlich zum Sonnenaufgang um 7 Uhr sind wir oben! Ein gigantischer Blick bis zum Titikakasee, nach La Paz und auf die anderen Gipfel ist Belohnung für die Anstrengung. Und die Sonne wärmt auch schnell. 









Wir alle feiern uns und die Nachfolgenden ein bisschen, geniessen den Ausblick und den sich verändernden Himmel, und dann geht es an den Abstieg. Erstaunlich schnell, in 2 Stunden sind wir wieder unten an der Hütte. Ich habe Spass am klettern mit den Steigeisen, bergab geht das Atmen auch leichter. Mario schlägt mir vor gleich am nächsten Tag mit ihm auf den Illimani zu steigen. Ich freue mich über sein Vertrauen in mich aber lehne dankend ab, die etwas zu grossen Schuhe machen mir Blasen und Reibstellen, die geliehene Jacke hat zu kurze Ärmel, und ausserdem ist morgen ganz bestimmt erstmal Ausruhen angesagt...






Nach einer Suppe und Rucksack-Packen geht es mit dem grossen Rucksack noch die letzten Höhenmeter runter zur unteren Hütte. Einigen von uns geht es garnicht gut... Ich bin einfach nur redlich kaputt und die Beine und Knie sind deutlich spürbar. Wir geben unsere Ausrüstung zurück und werden mit dem Auto nach La Paz zurück gefahren. Im Hostal angekommen hole ich meine restlichen Sachen ab, bringe die verschwitzten Kleider in die Wäscherei, esse noch eine Kleinigkeit und falle müde in's Bett.



Nach einer Nacht mit ausgiebigem Schlaf lasse ich es langsam angehen. Gemütlich frühstücken, Wäsche abholen, frisch gepressten O-Saft trinken, mehr steht nicht auf dem Plan. Ich treffe mich nochmal mit Josh in La Paz und wir gehen zusammen zum Barber. Weil Josh nachts nach hause fliegt begleitet er mich noch nach El Alto in's Hostal und verbringt die letzten 2 Stunden vor seinem Abflug mit mir. Ich freue mich über die angenehme Gesellschaft. 



Morgen will ich weiter in Richtung Salar de Uyuni. Noch ein Traum der eine kleine Herausforderung werden wird. Ich schicke euch allen herzliche Grüße!