Mittwoch, 10. April 2024

Von Rom an die Adria und in die Alpen

Die Fahrt aus Rom raus ist am Tiber entlang ein richtiger Genuss. Es sind viele Radfahrer unterwegs, wir haben die Strecke für uns. Aber irgendwann ist der Radweg zu Ende und ich muss zurück auf die Strasse. Auch hier stehen wieder viele Frauen am Strassenrand. In Italien sind Bordelle verboten also sind die Frauen auf die viel gefährlichere Situation auf der Strasse angewiesen. Mit einigen von ihnen grüsse und winke ich mir freundlich zu. Nach einem steilen Anstieg fahre ich auf einem unbefestigten Weg weiter und finde am Ende einen schönen Platz für mich und mein Zelt. Von weitem höre ich Schafe blöken, und später in der Dämmerung Wildschweine quieken. Die Wiese ist extrem feucht nach dem vielen Regen die letzten Tage, da muss ich am nächsten Morgen meine Sachen erstmal lange trocknen.


Der Himmel ist dunstig, auch hier ist der Sahara-Sand in der Luft. Auf kleineren Strassen radle ich weiter, und auf der Karte finde ich eine einsame unasphaltierte Variante. Was nach einer guten Alternative aussieht stellt sich als total zugewuchert raus. Zurück ist keine Alternative, also wühle ich mich teils steil bergan schwitzend und ächzend durch. An der Strecke steht eine Anlage von Luxusvillen im Rohbau, aufgegeben und am Verfallen. Schade das es noch zu früh zum Zelten ist, das wäre ein Traum-Platz gewesen! Am Schluss des Weges muss ich noch das Gepäck vom Rad nehmen um am Tor vorbei zu kommen.




Dafür finde ich später ein anderes aufgegebenes Haus, eine top ausgebaute Ferienwohnung im Haupthaus, im Bad ist noch das Klopapier und die Seife. Ich begnüge mich mit dem Schuppen, die Hauptsache das Zelt- und Schlafsack-Trocknen am nächsten Morgen entfällt. Kurz vor der Dämmerung kommt der Jäger vorbei und sagt ich soll mich nicht wundern falls ich Schüsse höre, er will heute Wildschweine jagen. Ich wünsche ihm viel Glück. Zwei Stunden später fährt er erfolglos davon.

Am nächsten Tag komme ich durch Arezzo, fahre kurz zum Dom hoch und dann weiter. Ich muss Lebensmittel kaufen für die bevorstehenden Feiertage. Ein Anstieg steht an, ich will noch ein Stück in die Berge, in der Hoffnung am Bach einen Schlafplatz zu finden. Es ist immer ein Abwägen: wann fülle ich meine Wasservorräte auf? Natürlich will ich nicht mit dem zusätzlichen Gewicht bergauf fahren, was aber falls ich auf dem Weg einen tollen Zeltplatz finde? Und tatsächlich finde ich einen tollen Platz, dafür schiebe ich mein Rad durch den Bach. Hier kann ich mich auch endlich mal wieder ein bisschen waschen. 



Es gibt Wildschweinspuren und in der Nacht höre ich zum ersten Mal in meinem Leben Wölfe heulen. Frohe Ostern! Nach einem ausgiebigen Osterfrühstück mit Käse-Auswahl, leckerer Salami und Sahne im Café schiebe ich mein Rad zurück durch den Bach. Als ich mich hinsetze um meine Schuhe wieder anzuziehen bläst der Wind lauter weisse Blütenblätter über mich. Mein persönlicher Ostergruss.

Weiter geht's, heute steht ein längerer Anstieg an, auf fast 1000m Höhe. Noch immer ist der Himmel dunstig vom Sahara-Sand. 



Bei der Abfahrt von der Passhöhe fängt der Wind an zu blasen, Böen bis zu 70km/h beuteln mich. Ich fahre von der Toskana in die Emilia Romagna. Der Fluss Marecchia begleitet mich. Die Schlafplatz-Suche ist erfolglos, irgendwie ist alles zu offen und ich kann mich nirgends versteckt platzieren. Also lande ich in Ponte Massa in einem Aleggio, freue mich über eine warme Dusche und eine Pizza. Überall sind Familien vereint um Ostern zu feiern. 


Weiter geht's Richtung Adria. Und dann finde ich natürlich lauter tolle Zeltplätze am Fluss. So ist das oft beim Radeln: wenn ich am nächsten Morgen weiter fahre sehe ich all die tollen Übernachtungsplätze die noch gekommen wären. Aber so ist das mit den Entscheidungen, du kannst halt nicht in die Zukunft sehen. Entscheidungen akzeptieren lernen ist auch ein Teil der Reise, ein Leben lang.

Noch immer kein Foto-Wetter, Dunst und heftiger Wind heute. Dafür erhasche ich beim Cappuccino-Stop einen Blick in die Küche bei den Vorbereitungen für das Ostermontag-Essen.



Und die Fahrt an die Adria hat ein paar schöne Strecken zu bieten fernab vom nervigen Verkehr. Ausserdem sind heute noch eine Menge anderer Radfahrer unterwegs. Am Meer nördlich von Rimini steht eine Bude neben der nächsten, hier ist nichts mit Wildzelten, ich lande auf dem Campingplatz und warte den Regen ab der endlich den Sand aus der Luft wäscht bevor ich mein Zelt aufbaue. Ich nutze das Internet und trinke mein erstes italienisches Bier seit ich in Italien bin.



Frühstück auf dem Campingplatz inmitten von Wohnwägen und Hütten. Ein kurzer Radtag folgt, die Küste ist total verbaut, viele Anlagen haben aber auch ihre besten Jahre schon gesehen und sind aufgegeben oder verfallen. Und weiter geht's durch viel Grün, an Kanälen entlang, durch Wald und Naturschutzgebiet. Ich bin in der Po-Ebene, für mich eine Strecke durch die ich durch muss bevor ich wieder in die Berge darf... Heute mache ich tatsächlich ganze 50 Höhenmeter!









Ich habe Lust bei dem schönen warmen Wetter mal am Strand zu sitzen. Ich finde einen schönen grünen Campingplatz, der Wind bläst, ich wasche meine Wäsche. Und gehe an den Strand, strecke die nackten Füsse in Sand und Wasser und mache Gymnastik. Und abends dann etwas was ich garnicht vermisst habe: Mücken! Wie gut das ich noch ein Mückenspray habe.

An der ziemlich verbauten Küste geht es weiter, verfallende Hotels erzählen von besseren Zeiten. In Marina di Ravenna esse ich Fisch und setze ein kurzes Stück mit der Fähre über. Ich finde einen schönen Zeltplatz versteckt in den Dünen. Die Nächte sind taunass und morgens müssen Schlafsack und Zelt lange trocknen. Aber die Morgenstimmung ist so schön das ich auch garnicht so schnell los muss...







Ich durchquere ein Naturreservat und fahre direkt am Wasser entlang, überquere Po und Etsch und beim Radeln durch Brombeergestrüpp habe ich leider wieder eine Dorne erwischt... Am Rosalido-Meer baue ich mein Zelt an einem Refugio auf das leider geschlossen hat. Ich konnte dem Mini-Tetrapak Weisswein nicht widerstehen, wann gibt es schonmal die Gelegenheit einen Wein direkt am Zelt zu trinken?!




Und nach einem kleinen Abstecher ins Naturreservat (in der Ferne sieht man Flamingos) fahre ich nach Chiogga. Eigentlich wollte ich hier was zum Übernachten suchen für eine letzte Nacht am Meer, aber die Stadt ist so hässlich und verbaut das ich schnell weiterfahre. An der Brenta entlang gibt es eine schöne Strecke ohne Autos, jetzt muss ich noch einen Schlafplatz finden. Ich frage eine Familie die gerade mit dem Hund unterwegs ist und werde eingeladen bei ihnen zu schlafen. Alessandra arbeitet in einer Weberei und Bartolomeo ist pensionierter Feuerwehrmann, ihre 21-jährige Tochter Giulia ist die einzige die einigermassen Englisch spricht. Trotzdem klappt die Kommunikation mit Alessandra bestens, sie redet italienisch, ich spanielisch. Zum Abendessen gibt es Pizza aus der nahen Pizzeria, ich darf auf dem Sofa schlafen. Eine schöne herzliche Begegnung, ich bin so dankbar für die Gastfreundschaft. 


Auf der Weiterfahrt mache ich Halt im Waschsalon, nach knapp einer Stunde habe ich gewaschene und getrocknete Kleider, und dann führt mich mein Weg in Richtung Alpen. Schon sind die ersten Steigungen zu erkennen, die Nacht verbringe ich direkt an der Piave bei Valdobbiadene, der rauschende Fluss übertönt die nahe Strasse.



Die ersten Höhenmeter in die Berge, ich bin echt aufgeregt, in die Alpen zu fahren ist schon ein Stück wie nach hause zu kommen. Und wieder  eine Nacht nahe am Fluss, zum Abendessen gibt es Spargel. Die ganze Zeit habe ich Menschen beim wilden Spargel sammeln gesehen, habe selber immer wieder nach welchem gesucht. Leider habe ich nicht den Spargel-Blick, deshalb ist meiner vom Markt.




Bis jetzt waren die Steigungen noch sehr moderat, aber ab Perarolo di Cadore werden die Anstiege spürbar. Es geht fast ausschliesslich auf dem Radweg weiter oder auf ganz kleinen Strassen durch's Valle di Cadore. Bis Cortina d'Ampezzo komme ich, hier übernachte ich auf dem Campinplatz. Eine Nacht im Zelt kostet so viel wie ein Zimmer in Süd-Italien. Oben im Skigebiet wird noch Ski gefahren. 







Und dann stehen die letzten Höhenmeter zum Pass und nach Südtirol an. Auf einer alten Bahnstrecke führt der Radweg nach oben. Auf ca. 1400m Höhe macht die Strecke einen Knick und geht im Schatten weiter. Hier liegt noch eine Menge Schnee. Eine ganze Weile fahre ich auf dem schneebedeckten Radweg weiter, aber irgendwann wechsle ich auf die Strasse, das ist weniger anstrengend. Und dann bin ich am Pass und fahre über die Sprachgrenze. Nach fast 2 Jahren zum ersten Mal wieder im deutsch-sprachigen Raum! Ab jetzt geht es in für mich vertrautes Gebiet, eine meiner Touren als Fahrrad-Guide führt durch diese Gegend. In 3 Monaten werde ich wieder hier sein, dann wohl mit weniger Schnee.









Bergab rauscht es sich einfach, hinein in's Pustertal. Ab Olang suche ich ein Zimmer, morgen ist Regen und Schnee bis auf 1400m Höhe angesagt, ich will ein festes Dach über dem Kopf. Nicht einfach, letzte Skiwoche auf dem Kronplatz, die Hotels und Pensionen machen gerade alle dicht und gehen nicht an's Telefon. Auf dem Weiterweg spreche ich jeden an der mir begegnet, und kurz vor Reischach hat endlich ein Bauer eine Ferienwohnung für mich. Dafür muss ich aber nochmal richtig knackig bergan! In der Ferne kann ich schon das Wetter rannahen sehen.


Pausentag, einkaufen in Bruneck, die Gelegenheit nutzen zum Wäsche waschen, ein bisschen spazieren gehen.